PASCAL MORCHÉ FLANIERT!

Pascal Morche

Schluss mit Lustig?

25. Februar. 2019

Schluss mit Lustig?
Bald ist die Zeit der Narren vorbei. Ein Plädoyer sie zu verlängern.

Am 6. März ist alles vorbei: Aschermittwoch! Es beginnen dann sechs Wochen Fastenzeit bis Ostern. So jedenfalls sah es der Diätplan des Christentums ursprünglich vor, die Kirche als unser aller Weightwatcher. Jeder, der schon einmal eine Diät streng durchgezogen hat, weiß, dass diese sechs Wochen eine Qual sein können. Deshalb vor der Diät der Fasching. Das Wort kommt vom letzten „Ausschank“ vorm „Fasten“.

Weil ausgeschenkter Alkohol mitunter Frohsinn auslösen soll, heißt das: Hemmschwellen sinken. Der Humor macht im Fasching ernst! Es herrscht freiwilliger Lachzwang und Frohsinn als gruppendynamisches Ereignis. Auch traut der Mensch sich, mehr oder weniger humorvoll unter der Narrenkappe seine Meinung zu sagen: beim bayerischen „Derblecken“, bei „Villacher Faschingssitzungen“ oder einer „Büttenrede“.

Liebe Leserin, ich bin keine Spaßbremse! Aber es gibt Menschen, für die ist der Fasching schwerer zu ertragen, als die strengste Fastenzeit danach. Ich gehöre zu ihnen. Fastnacht bedeutet für mich fast Nacht - und zwar im Hirn. Der Wille zur kollektiven geistigen Umnachtung wird unterstützt von Alkohol, Schminke und Kostümen. Dabei ist das einzige Kostüm, dass im Fasching strapaziert wird, mein Nervenkostüm. Ob es daran liegt, dass ich ein Mann bin? Vielleicht. Im Fasching hat schließlich jeder Mann das Recht, so lächerlich zu sein, wie seine Frau ihn sonst macht.

Natürlich bestehen zwischen Karneval in Rio, jenem Carnevale di Venezia, dem Villacher Fasching und Kölschem Narrentreiben trotz globalisierter Fröhlichkeit regionale Unterschiede. Und dass sich die lieben Kleinen im Kindergarten mal verkleiden, ist auch akzeptiert (ich ging immer als Käp’n Balu oder Commander Spock).

Ich habe nur nie begriffen warum man sich weltweit Fröhlichkeit und Ausgelassenheit vom Kalender diktieren lässt. Und auch andere Veranstaltungen wie Halloween, Christopher Street Day oder Loveparade können ja kollektives Glück auslösen. Veranstaltungen die ebenfalls dazu animieren, unter Maske, Schminke und Verkleidung einmal die Sau rauszulassen. Die Sau, die dann im Fasching frivol und gerne leicht geschürzt durch frostige Februartage taumelt. Brrrr: Über halterlosen Netzstrümpfen und insgesamt ganz wenig Textil ein Anorak aus Goretex. Sehr sexy! Ich habe einmal einem Fastnacktball beigewohnt. Die Verwandlung frierender Menschen, die an den Garderoben unter ihrer Daunenjacke ein Tarzankostüm freilegten, war am Eindrucksvollsten.

Ich bin für die Einführung ganzjährigen Faschings; für Frohsinn und Heiterkeit an 365 Tagen im Jahr. Ich finde, frivole Klamotten sollten ganzjährig getragen werden und wir sollten uns auch ganzjährig verkleiden und maskieren. Und unbedingt an 365 Tagen unsere Meinung sagen – nicht nur in der närrischen Zeit vom 11.November bis zum Aschermittwoch im März. Aber ich bin ja auch ganzjährig ein Narr.